Habilitations- und Dissertationsprojekte in der Musikwissenschaft


Laufende Dissertationsvorhaben

Die Verbindungen der Hanse als Netzwerk von Musik und Musikern (1557–1669)

Betreuer:  Prof. Dr. Friederike Wißmann, Prof. Dr. Manfred Cordes

Abstract:

Wie auf die Politik, die Migrations- und Mentalitätsgeschichte nahm der hansische Fernhändler- und Städtebund auch Einfluss auf das Musikleben seiner Zeit. Eine solche Beeinflussung spielte sich am unmittelbarsten auf der Ebene der Verbreitung von Musik und Musikern ab, indem diese gleichsam als kulturelle Ware auf hansischen Handelsrouten befördert wurden.

Weitere Ebenen der Bedingtheit der Musik von dem Handelsbund erstrecken sich von soziologischen Fragen der Organisation von städtischen Musikergruppen über hermeneutische Gesichtspunkte in stilistischen Bezugnahmen bis hin zu ökonomischen Vorgängen von Widmung, Anstellung und Ausbildung. Viele solcher Phänomene sind in Einzelstudien – beispielsweise zu englischen Instrumentalisten in Norddeutschland und Dänemark, einer ganzen Generation aus Hansestädten stammender Orgelschüler Sweelincks in Amsterdam oder zu Gelegenheitskompositionen im Ostseeraum – erfasst und durchaus bekannt; nur sind diese nie in Beziehung zu dem größeren Kontext von spezifischen, durch die Hanse evozierten Voraussetzungen gesetzt worden.

In dem Dissertationsvorhaben sollen erstmals musikalische Transferprozesse in Hinblick auf die ökonomische und kommunikative Infrastruktur im Hanseraum zwischen den Kontoren in London, Brügge, Bergen und Nowgorod in den Blick genommen werden. Im Rahmen der jüngst auch in die Musikwissenschaft Einzug gehaltenen Kulturtransferforschung liegt dem Vorhaben ein netzwerkanalytischer Schwerpunkt zugrunde, auf dessen Basis weiterführende Untersuchungen zu Semantik und Modalität der Musik selbst aufbauen.

Die „Compositionen zu Göthe’s Faust“ von Fürst Anton Radziwiłł

Betreuerin:   Prof. Dr. Friederike Wißmann

Abstract:

Der polnisch-litauische Magnat, Politiker und Komponist Antoni Henryk Radziwiłł (1770–1833) beschäftigte sich ab 1808 bis kurz vor seinem Tod mit seinem musikalischen Hauptwerk, den „Compositionen zu Göthe’s Faust“. Es handelt sich hierbei um die früheste Vertonung des Dramatischen Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe. Sie geht weit über eine Schauspielmusik hinaus.

Radziwiłł hatte keinen Kompositionsauftrag, arbeitete aber mit dem Dichter zusammen und erhielt dessen Placet für seine Arbeit. Der Fürst war durch Heirat mit Prinzessin Luise von Preußen (1770–1836) mit dem preußischen Königshaus verbunden und über Freundschaften mit Carl Friedrich Zelter (1758–1832) und Carl Friedrich Rungenhagen (1778–1851) sowie seinen Hofkapellmeister Georg Abraham Schneider (1770–1839) mit dem Berliner Musikleben des frühen 19. Jahrhunderts verwoben. Der Salon des Fürsten im Palais Radziwiłł, der nachmaligen, nach 1945 abgebrochenen Alten Reichskanzlei, war ein Zentrum des gesellschaftlich-musikalischen Lebens. Die Kompositionsarbeit des Fürsten war eng verbunden mit teils halböffentlichen Proben fertiggestellter Nummern, wobei das Ensemble zum Teil aus Mitgliedern des Königshauses bestand und der Chor der Singakademie zu Berlin eingesetzt wurde. Neben seinen musikalischen Ambitionen hatte der Fürst ehrgeizige politische Pläne zur Wiedererrichtung der polnischen Nation, die er zwischen 1815 und 1830 in seiner Funktion als preußischer Statthalter in Posen verfolgte, die aber letztlich scheiterten. Neben den „Compositionen“ hinterließ Fürst Radziwiłł nur eine Reihe von Liedern und Duetten mit Begleitung von Klavier, Gitarre oder Violoncello, das der Fürst virtuos beherrschte. Er war zudem Widmungsempfänger zahlreicher Werke, darunter die Ouvertüre zu „Die Weihe des Hauses“ op. 124 von Ludwig van Beethoven und das Klaviertrio g-Moll op. 8 von Frédéric Chopin. Chopin besuchte den Fürsten auf dessen Jagdschloss Antonin, einem Bau nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, musizierte mit ihm und äußerte sich lobend über dessen „Compositionen“, ebenso wie Robert Schumann und zahlreiche andere Zeitgenossen.

Bislang existiert keine Monographie zu diesem Werk. Die Dissertation soll diese Lücke schließen. In ihr sollen alle erreichbaren Fakten zusammengetragen, die einzelnen Musiknummern analysiert und bewertet und die Verflechtung Anton Heinrich Radziwills (so die deutsche Schreibweise) ins musikalische, gesellschaftliche und politische Leben seiner Zeit dargestellt werden.

Steffen Meder
SteffenMeder@gmx.de

Musiksoftware im digitalen Medienwandel der Musikpraxis. Zur Kultur und Geschichte des Computers als Musikinstrument

Betreuer:  Prof. em. Dr. Hartmut Möller, Prof. Dr. Sebastian Klotz

Abstract:

Die Digitalisierung hat zu einem tiefgreifenden Wandel in der Musikkultur beigetragen, der von der Produktion bis zur Distribution reicht und sowohl künstlerische Strategien als auch Wahrnehmungsformen umfasst. Das Promotionsprojekt untersucht den digitalen Medienwandel der Musikpraxis und verfolgt zwei Hauptziele: Erstens will sie eine Geschichte des Computers als Musikinstrument schreiben und zeichnet die zentralen Entwicklungslinien in der Geschichte der Musiksoftware 1950–2020 nach. Zweitens untersucht sie den digitalen Medienwandel des Musikmachens auf unterschiedlichen Ebenen (Künstlerische Strategien, Ästhetiken, Musikorte, Instrumentalität, Live-Performance, Rollenverständnisse und Formen der Wissensvermittlung). Die Arbeit will zu einem differenzierten Verständnis des Mediums Musiksoftware sowie des Wandels und der Entwicklung von (neuen) Wissensformen und Medienpraxen in der Musikkultur beitragen.

Durch die Verknüpfung von Quellenarbeit sowie ethnographischen und kultursoziologischen Methoden wird die Entwicklung von Musiksoftware in Musiksoftwarefirmen sowie Open-Source-Projekten als auch ihre Aneignung und Anwendung durch Musiker*innen und Medienkünstler*innen historisch und systematisch rekonstruiert. Die zentralen Fragen lauten dabei: Welche Praxen, Ideen und Diskurse prägen die Konzeption, Programmierung und das Design von Musiksoftware? Wie gehen Musiker*innen mit Musiksoftware (im Studio, zuhause, unterwegs und auf der Bühne) um? Und wie wandeln sich dadurch musikbezogene Vorstellungen und Praktiken sowie Kommunikations- und Vergesellschaftungsformen?

Im Zusammenhang größerer Fragestellungen wie der Demokratisierung der Musikkultur und der Digitalisierung der Arbeitswelt argumentiert die Arbeit für eine differenzierte Betrachtung der Effekte der Digitalisierung für Musiker*innen: Einerseits hat der Computer die künstlerischen Möglichkeiten für Musiker*innen wesentlich erweitert, andererseits die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen erleichtert.

Musikkulturen in der doppelten Transformationsgesellschaft. Zur Rolle ostpreußischer Vertriebener in Deutschland 1943 bis 1961

Betreuerin:   Prof. Dr. Yvonne Wasserloos

Abstract:

Der grundlegende Ausgangsfaktor der gesellschaftlichen Transformation über Musik innerhalb der zäsurübergreifenden Zeitspanne vom Beginn des Zusammenbruchs der NS-Diktatur bis zum Mauerbau stellt mit seinem entscheidenden Wandel der Welt und dadurch von Werten den Forschungsanlass der Arbeit dar. Dazu wird anhand von Zeitzeug*innen-Interviews mit Personen aus dem ehemaligen Ostpreußen und Einheimischen sowie Archivalien die Musik(-praxis) mit dem Fokus auf den ostpreußischen Vertriebenen mithilfe eines Musikkorpus, das sich in diversen Musikkulturen beobachten lässt, erforscht. Mittels der gängigen musikwissenschaftlich-philologischen Methoden und der Methode der Oral History, wird das Musikkorpus auf seine Zusammensetzung und Funktion hin untersucht sowie seine Bedeutung innerhalb der Prozesse der doppelten Transformationsgesellschaft befragt und im zeitlichen (Kontext-)Wandel kritisch hinterfragt werden.

Es ist zu untersuchen inwiefern im Wandel der Staatsformen Kontinuitäten und Brüche innerhalb des Untersuchungsgegenstandes Mechanismen von Musik erkennen lassen, die Integration bzw. Segregation zwischen den Vertriebenen und Einheimischen förderten und/oder hemmten. Dabei stellt sich die Frage, was die mitgeführte Musik und Musizierpraktiken der Ostpreuß*innen und die der Kernbevölkerung zur jeweiligen Ausformung eines neuen politischen Systems und zum Vergesellschaftungsprozess beitrugen, wobei der Kern der Betrachtung auf der SBZ/DDR liegt. Die doppelte Transformationsgesellschaft setzt sich bis zum Zeitpunkt des offiziellen Aktes der staatlichen Teilung aus den benannten Gesellschaftsgruppen zusammen. Diese Transformationsgesellschaft wird aber nach der Teilung Deutschlands in zwei politische Systeme aufgeteilt, wodurch die entstehenden Einzelgesellschaften aus dem Zeitraum vor 1949 kommend ähnliche Voraussetzungen haben, sich jetzt aber auf Basis der DDR oder der BRD unterschiedlich weiterentwickeln.

Stadtmusikanten im frühneuzeitlichen Mecklenburg. Gesellschaftliche Integration und Entwicklung des Sozialstatus

Betreuer:   Prof. Dr. Friederike Wißmann, Prof. Dr. Hillard von Thiessen

Abstract:

Die Stadtmusikanten der frühen Neuzeit können als wichtige Träger der städtischen Musikkultur angesehen werden. Als Ausführende und teilweise auch Schöpfer trugen sie in bedeutender Weise zur Weiterentwicklung weltlicher Kunstmusik bei. Im 15./16. Jahrhundert ließen sich fahrende Spielleute vermehrt in Städten nieder, da dies wechselseitige Vorteile für Musiker und Stadt mit sich brachte: Die Stadtmusikanten fanden Schutz vor Konkurrenten und die Städte konnten bei Bedarf auf fähige Musiker bei repräsentativen Anlässen zurückgreifen.

In der Forschungsarbeit soll der zentralen Frage nachgegangen werden, wie sich der Sozialstatus der Stadtmusikanten durch die Sesshaftwerdung und die Integration in die Stadt-/Dorfgemeinde veränderte. Verschiedene Ehrvorstellungen, die alltäglichen Lebensumstände (Subsistenz, Nahrungserwerb, Besitz), rechtliche Bestimmungen und handwerklich-zünftische Organisationsformen sind zentrale Untersuchungsfelder, die auf Grundlage einer breit angelegten Quellenrecherche und -analyse in den mecklenburgischen Archiven betrachtet werden. Ziel der Arbeit ist es, die Entwicklung des Sozialstatus zwischen 1550 und 1730 zu skizzieren und die Stellung der mecklenburgischen Stadtmusikanten innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft zu verorten.


Abgeschlossene Dissertationsprojekte

Abgeschlossene Dissertationsprojekte

Jan-Peter Koch: Untersuchungen zur Klaviermusik Rudolf Wagner-Regenysunter unter besonderer Berücksichtigung seiner Zwölftonkompositionen. Rostock 1999.

Daina Stepanauskas: Das Probespiel der Streicher im Orchester. Persönlichkeitsunterschiede von Orchestermusikern und deren Konsequenzen für die Ausbildungs- und Probespielpraxis. Rostock 2001.

Maren Köster: Musik-Zeit-Geschehen. Zu den Musikverhältnissen in der SBZ/DDR 1945 bis 1952. Saarbrücken 2002.

Cornelius Bauer: Postminimalismus als kompositorischer Ansatz. Analytische Untersuchungen am Werk John Adam’s, Michael Torkes und Louis Andriessens bis ca. 1995. Rostock 2006.

Sarah Ross: Performing the political in American jewish-feminist music. Rostock 2009 (2-jährige Förderung aus Mitteln des Graduiertenkollegs "Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs"). Sarah Ross ist heute Professorin an der Musikhochschule Hannover.

Peer Hübel: Multimedia in der Musikwissenschaft. Interaktive Medien und didaktische Modelle im Lehr- und Lernprozess. Konzeption und Gestaltung des Lernmoduls "Quartett". Rostock 2012.

Thomas Offermann: Einfach Gitarre spielen! Integrative Bewegungslehre Gitarre. Rostock 2013.

Herbert Pauls: Two Centuries in one. Musical Romanticism and the Twentieth Century, Rostock 2013.

Nadine Söll: Representations of music culture(s) in contemporary art. Berlin 2013 (2-jährige Förderung aus Mitteln des Graduiertenkollegs "Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs").

Sebastian Rachau: Im Feld des Heavy Metal. Vier deutsche Bands. Hamburg 2014 (gefördert durch ein Graduiertenstipendium des Landes M-V).

Frieder Reininghaus: Ehrenpromotion Rostock 2019.

Fabian Bade: "Ist das nicht ein Schnitzelbank? Ja, das ist ein Schnitzelbank". US-amerikanische Schnitzelbank-Adaptionen als Beispiel für die Rezeption deutschsprachiger populärer Musik (2019 als Dissertation angenommen, noch unveröffentlicht).

Maher Farkouh: Die Madroshe der syrischen Kirchenmusik: Eine analytisch-vergleichende Studie (2020 als Dissertation angenommen, noch unveröffentlicht).

Abgeschlossene Habilitationsprojekte

Abgeschlossene Habilitationsprojekte

Dr. Stefan Drees: Vom Sprechen der Instrumente. Zur Geschichte des instrumentalen Rezitativs, Frankfurt/M. u.a. 2007. Stefan Drees ist seit 2016 Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.

Dr. Britta Sweers: Amber Pieces of Music: Modern Folk Musics within Contemporary Global Flows, Rostock 2009. Britta Sweers ist seit 2009 Professorin für Kulturelle Anthropologie der Musik an der Universität Bern.

Dr. Barbara Alge: Kings, Gold, and Nazaré. Sounding Portugueseness in southeast Brazil. Rostock 2016. Barbara Alge ist seit 2019 Professorin für Musikethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt/M.

Dr. Cordelia Miller: Musikdiskurs als Geschlechterdiskurs im deutschen Musikschrifttum des 19. Jahrhunderts. Oldenburg 2019.